Verfolgung der Sinti\*zze
Ein Netzwerk zahlreicher Behörden, Polizeikräften, Parteiorganen, Wissenschaftlern in Kassel, Nordhessen und dem Deutschen Reich war für die Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung der in Nordhessen lebenden Sinti\*zze während des NS-Regimes verantwortlich. Grundlagen dazu wurden aber bereits vor 1933 gelegt. Das »Hessische Zigeunergesetz" von 1929 schränkte Bewegungsfreiheit und Gewerbeausübung ein, es etablierte eine systematische Erfassung. 1935 erklärten die »Nürnberger Gesetze" Sinti und Roma zu »Fremdrassigen". Die »Rassenhygienische Forschungsstelle" unter Robert Ritter sammelte in der »Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens" Daten, Fotografien und Fingerabdrücke, es schuf Klassifizierungen als Grundlage späterer Deportationen.
Regionale Behörden setzten diese Vorgaben um: Regierungspräsident, Gestapo, Kriminalpolizei und Landräte erließen Meldepflichten, Verbote von Aufenthaltsbescheinigungen, »Sicherheitszonen" und ein Verbot von »Mischehen". 1937 entstand an der Wartekuppe in Niederzwehren ein kommunales Zwangslager: Menschen lebten hinter Stacheldraht, bewacht von Polizei. Auch die ehemalige Landesarbeitsanstalt Breitenau, durch die Gestapo Kassel zum KZ und später Arbeitserziehungslager gewandelt, diente zur Internierung. Razzien und Meldeauflagen mündeten im Auschwitz-Erlass vom Dezember 1942: Ab März 1943 wurden Sinti und Roma aus Kassel, Marburg und weiteren hessischen Orten unter anderem nach Auschwitz-Birkenau deportiert.
Der Blick auf dieses Netzwerk zeigt: Verfolgung endete nicht an einer Amtstür, sondern funktionierte durch das Ineinandergreifen von Verwaltung, Polizei, Wissenschaft und Öffentlichkeit. Dieses Netzwerk erklärt auch, warum Sinti und Roma in NS-Datenbanken kaum sichtbar sind: diskriminierende Kategorien wie »Asoziale" verschleierten die tatsächliche Verfolgung.
Nach 1945 war die Verfolgung nicht beendet. Auch in der Bundesrepublik wurden Sinti und Roma jahrzehntelang diskriminiert.
Unsere Interventionen markiert Orte aus dem Schicksal einer Familie sowie das Lager Wartekuppe.
Jara Lee Bielefeld mit Justin Andreas Hecht und Martina Gröger
Recherche & Text: Jara Lee Bielefeld mit Justin Andreas Hecht und Martina Gröger