Lange Straße 22, 34253 Lohfelden
**Rede Walter Lübcke im** **Bürgerhaus Lohfelden, 2019**
Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke setzte sich öffentlich für die Aufnahme von Geflüchteten ein und wurde dadurch zu einer zentralen Zielscheibe der extrem rechten Szene. Am 14. Oktober 2015 hielt er im Bürgerhaus Lohfelden eine Rede über die Unterbringung von Flüchtlingen. In diesem Zusammenhang erklärte er: »Ich würde sagen, es lohnt sich, in unserem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten. Und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist." Diese Aussage löste im Saal heftige Reaktionen aus. Der Rechtsextremist Stephan Ernst befand sich im Publikum und rief »Verschwinde". Auch Markus Hartmann war anwesend, filmte die Rede und veröffentlichte die Aufnahmen später im Internet, wo sie in rechtsextremen Gruppen große Verbreitung fanden. Stephan Ernst war den Sicherheitsbehörden bereits seit den frühen 1990er-Jahren als gewaltbereiter Rechtsextremist bekannt. Dennoch verfügten sowohl Stephan Ernst als auch Markus Hartmann als Mitglieder desselben Schützenvereins in Sandershausen über Jahre hinweg über waffenrechtliche Erlaubnisse und konnten legal Schusswaffen besitzen.
Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass Stephan Ernst spätestens ab Mai 2017 das Wohnhaus Lübckes mehrfach ausgespäht hat. Die spätere Tat war somit keine spontane Handlung, sondern langfristig geplant. Zwischen 2014 und 2018 bewegten sich Stephan Ernst und Markus Hartmann gemeinsam in der rechtsextremen Szene, nahmen an Aufmärschen teil und standen in engem Kontakt miteinander. Beide waren Mitglieder desselben Schützenvereins in Sandershausen und arbeiteten zeitweise zusammen. Zum Umfeld gehörte außerdem der Waffenhändler Elmar J., der Stephan Ernst und Markus Hartmann Waffen verkauft haben soll. Verurteilt wurde er letztlich lediglich wegen unerlaubten Munitionsbesitzes. In der Nacht vom 1. auf den 2. Juni 2019 wurde Walter Lübcke auf der Terrasse seines Wohnhauses in Istha im Landkreis Kassel erschossen. Der Schuss traf ihn aus nächster Nähe in den Kopf. Eine Hautschuppe auf der Kleidung des Opfers führte die Ermittler\*innen schließlich zu Stephan Ernst. Am 2. Juni 2019 wurde bekannt, dass Stephan Ernst als Tatverdächtiger identifiziert worden war. Die Ermittlungen ergaben, dass der Mord aus einem rechtsextremen Motiv heraus begangen wurde.
Stephan Ernst nannte die Ereignisse in Lohfelden später als das entscheidende Tatmotiv für den Mord an Lübcke im Juni 2019. Auch Markus Hartmann wurde von seiner ehemaligen Lebensgefährtin als überzeugter Rechtsextremist und »Reichsbürger" beschrieben. Ehemalige Weggefährt\*innen aus der Neonazi-Szene schilderten ihn als Agitator, der andere zu politischen Straftaten anstachele.
