»NSU"-Mord an Halit Yozgat in seinem Internetcafé 2006
Der »Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) war ein rechtsterroristisches Netzwerk, das zwischen 1998 und 2011 unentdeckt in Deutschland agierte. Die Terrorgruppe bestand aus den Haupttäter\*innen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. Dem Netzwerk wurden zehn Morde, 43 Mordversuche, drei Sprengstoffanschläge sowie zahlreiche Banküberfälle zugerechnet. Der rechtsterroristische Hintergrund der Taten blieb über Jahre unerkannt. Stattdessen richteten sich die Ermittlungen zunächst gegen das persönliche Umfeld der Opfer. Erst mit der Selbstenttarnung des »NSU" im November 2011 wurde bekannt, dass hinter den Taten eine rechtsextreme Terrorgruppe stand.
Das neunte Opfer war Halit Yozgat, der am 6. April 2006 im Alter von 21 Jahren in seinem Internetcafé in der Holländischen Straße 82 in Kassel erschossen wurde. Nach den Ermittlungen betraten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt das Café und schossen ihm zweimal aus nächster Nähe in den Kopf. Obwohl sich zum Tatzeitpunkt insgesamt sechs weitere Personen in den Telefonkabinen und Computerräumen im Café aufhielten, gab es keine Augenzeug\*innen und die Täter konnten unbemerkt flüchten. Besonders umstritten ist die Anwesenheit des Mitarbeiters des hessischen Verfassungsschutzes, Andreas Temme, der sich nach Auswertung der Computerdaten zum Tatzeitpunkt im Internetcafé aufhielt. Da er sich nach dem Mord nicht als Zeuge bei der Polizei meldete, geriet er zunächst selbst unter Tatverdacht. Andreas Temme erklärte mehrfach, weder die Schüsse noch den am Boden liegenden Halit Yozgat bemerkt zu haben. Trotz erheblicher Zweifel und widersprüchlicher Aussagen wurde das Ermittlungsverfahren gegen ihn Anfang 2007 eingestellt.
Im Mittelpunkt der Ermittlungen stand außerdem seine Funktion als V-Mann-Führer. Er betreute unter anderem den V-Mann Benjamin Gärtner aus der Kasseler Neonazi-Szene. Die beiden telefonierten kurz vor und nach der Tat. Bis heute sind zahlreiche Aspekte des Falls ungeklärt. Insbesondere die Rolle von Andreas Temme, der Umgang der Behörden mit den Ermittlungen sowie mögliche Verbindungen zwischen dem Verfassungsschutz und der rechtsextremen Szene werden weiterhin kontrovers diskutiert.

